Kategorie: Allgemein

Impulse für einen Neubeginn

Wenn das Gewohnte nicht mehr greift:

Das Frühjahr 2020 und das erneute Aufflammen der Pandemie machen sichtbar, was viele von uns bereits seit Längerem spüren: Unendliches Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen führt zwangsläufig in eine Sackgasse. Die gewohnte – sehr einseitige – Strategie kann langfristig nicht erfolgreich sein.
Was also tun?

Neue Probleme – alte Lösung?

Der Modus des “immer schneller, immer mehr” wird die Krise weiter verstärken; Lösungen, die auf den bewährten Strategien des 19. und 20. Jahrhunderts basieren, werden scheitern.
Dieses Vorgehen entspricht dem Beispiel des Handwerkers, der zwar einen vollen Werkzeugkoffer besitzt, aber nur mit dem Hammer arbeitet, weil er das schon immer so gemacht hat und bisher damit erfolgreich war.

Warum halten wir so sehr am Alten fest?

Der Brennglaseffekt der Krise macht uns an unterschiedlichen Stellen deutlich, dass wir Realitäten verleugnet und verdrängt haben. Warum verhalten wir uns als aufgeklärte, moderne Menschen so? – Die Antwort ist: Wir waren mit unserer Strategie bisher sehr erfolgreich. Unser Wohlstands- und Fortschrittsmodell hat uns weit gebracht. Es aufzugeben ist nicht einfach. Trotzdem müssen wir uns dieser Aufgabe stellen.

Die drei signifikantesten Realitäten, die wir in den Blick nehmen müssen sind: Der Rückgang in sehr vielen Bereichen , die Unverfügbarkeit vieler Ereignisse und Ressourcen und die Vergänglichkeit von Organisationen und (Denk-) Modellen genauso wie von unserem Dasein.

Alle drei Aspekte verdrängen wir meist sehr erfolgreich, jedoch mit einem hohen Aufwand an Aktionismus, Pflichtgefühl, Selbstüberschätzung und/oder Ideologien verschiedener Couleur.

Neue Wege wagen

“Smartes“Denken und Agieren wird vom Glauben an Fortschritt und unendliches Wachstum bestimmt. Die Corana-Krise einerseits und die Erderwärmung andererseits entlarven diese Glaubenssätze als falsch.

Nehmen wir eine andere Perspektive ein:

1. Endlichkeit: Ohne Ende kein Neuanfang

Es gibt Augenblicke, in denen etwas zu Ende geht. Dieser Realität müssen wir uns stellen. Sie ist greifbarer als das Versprechen des ewigen Wachstums. Als Gesellschaft haben wir die Endlichkeit verdrängt und aus dem Alltag verbannt.

Das Ende von Unternehmen und Organisationen versuchen wir mit vielen Mitteln zu verhindern. Die Rettungsschirme für Unternehmen sind gigantisch, deren Wirkung fraglich. Aber eines zeigt sich schon jetzt: Wir werden nicht alle(s) retten können. Wir müssen uns der Endlichkeit stellen und sie als unvermeidlichen Faktor in unser Denken aufnahmen. Das unausgesprochene Denkverbot aufheben und uns damit auseinandersetzen.

2. Unverfügbarkeit: Grenzen des Mach(t)baren

OP-Masken waren im Frühjahr nicht in ausreichender Menge verfügbar – die freien Kapazitäten auf der Intensivstation beherrschten die News-Ticker. Zwei gut sichtbare Beispiele für die zweite Realität, der wir uns stellen müssen. Wir haben nicht alles unter Kontrolle und können nicht immer über alles so verfügen wie wir es wollen. All unser Planungen und Zukunftsszenarien sind fehlbar.

Dies bedeutet für uns: Wir müssen ein unerwünschtes Gefühl zulassen – die Ohnmacht. Dies löst vielleicht Panik aus, denn: Der Glaubenssatz der Machbarkeit und der Verfügbarmachung fällt in sich zusammen.

Besonders deutlich zeigt dies der Klimawandel. Er führt unmissverständlich vor Augen, dass der Mensch nicht über den Planeten verfügen kann. Es geht nicht nur um Masken und Betten, sondern um viele materielle und immaterielle Dinge, die unserer Macht entzogen sind.

3. Rückgang: Wann ist es genug?

Die dritte Konfrontation fordert ein fast unzumutbares neues Denken: Der Rückgang. Können wir es wagen zu denken, dass die immerwährende Steigerung des Konsums, die unaufhörlich steigenden Aktienkurse, der scheinbar ewig wachsende Wohlstand, die immer bessere medizinische Versorgung aufhören?

Die letzten drei Generationen kennen nahezu nur eine Richtung: nach oben, immer mehr, immer besser, immer länger, immer sicherer, immer komfortabler. Was, wenn der Glaube an diese Art der Lebens- und Weltgestaltung sich als unverantwortlicher und nicht tragbarer Irrglaube erweist? Es braucht auch hier den Mut, Neues zu denken und mit alter Logik zu brechen. Selbst wenn wir, die westlichen Gesellschaften, diese Krise auf Kosten vieler anderer für uns noch einmal „drehen“ könnten und an dem alten Glauben festhalten, so ahnen, spüren oder wissen es bereits: Wir sind auf dem Holzweg.

FAZIT: Der Bruch im Mindset muss zu neuem Denken und Handeln führen. Dieser Aufbruch in ein neues Denken ist eine Herausforderung, ein Abenteuer ohne doppelten Boden.

Orientierung für unbekanntes Terrain

Die erste Frage ist die Frage nach dem Sinn: Was ergibt Sinn? Für mich persönlich? Für meine Aufgabe und mein Handeln unter den Aspekten der sozialen Verantwortung, der Nachhaltigkeit und der Zukunftsorientierung? – Die Globalisierung hat die soziale Frage zu einer Menschheitsfrage gemacht. Wir können nicht mehr zurück zur alten Ordnung. Die Konfrontation mit der Unverfügbarkeit und der Endlichkeit fordern uns heraus, nicht wieder dem gewohnten Muster von Machbarkeit, Wachstum und anderen Selbstüberschätzungen zu verfallen.

Ein zweiter Orientierungspunkt: Die spirituelle Dimension in unserem Leben. Die Grundannahmen von Individualität und der Gleichzeitigkeit einer globalen Verantwortung fordern uns zu Klärungen heraus: Wie sehe ich meine Beziehung zur Welt? Wer bin ich für die Welt? Wie agiere ich, in welcher Verantwortung stehe ich? – Diese Fragen führen zu – nennen wir es Ursprung, Essenz, Gott oder das Sein. Gibt es in mir etwas das einen Bezug zu anderen oder irgendetwas anderem hat? Etwas Gutes oder Unzerstörbares das mich ausmacht? – Nennen wir es Funke, Geist, Teil des Universums oder Gott. Welche Folgen hat dieser Bezug für unser Denken und Handeln?

Ein Hinweis: Wohl wissend, dass es verengend wirken kann, werde ich diesen Bezugspunkt des Bewusstseins in uns und außerhalb von uns als Gott bezeichnen.

Wie erkläre ich mir die Welt in ihren Zusammenhängen und Abhängigkeiten? Die Frage nach unserer Welterklärung ist die dritte Orientierungshilfe auf dem Weg in ein neues Denken.
Die traditionellen Erklärungen wie die Welt funktioniert und was sie zusammenhält werden immer öfter als unzureichend empfunden. Das trifft nicht nur die „Ismen“ sondern auch die institutionalisierten Religionen. Ein „Zurück zum Gewohnten“ wird in die alten Grenzen führen. Es braucht neue Erklärungsmodelle, deren Eckpunkte u.a. in folgenden Fragen liegen:

  • Wie können wir uns in Zukunft das Miteinander in der Welt, die Zusammenhänge und auch Widersprüche neu erklären?
  • Welche Modelle und Ansätze sind hilfreich, uns in den derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen gut zu steuern?
  • Wie lautet die Antwort auf das, was die Welt antreibt, wenn es nicht länger das „MEHR“ ist?

Die Frage nach der Welterklärung wird die ausführlichste und schwierigste sein, der wir uns zu stellen haben.

Der vierte Orientierungspunkt: Die Frage nach der eigenen Lebensdefinition.
Jeder von uns hat bewusst oder unterbewusst eine Antwort auf die Frage: Was gibt mir das Recht zu leben? Oder anders formuliert jeder hat einen innersten Kern, der sich u. a. auf das Denken und Handeln auswirkt und Halt in Krisen gibt.

Wer das eigene Lebensrecht und auch den Lebenssinn benennen kann, erkennt leichter worin der individuelle Beitrag für sich selbst, andere Menschen, eine Organisation und für die Welt besteht. Diese Fragen treten gewöhnlich in Krisen oder Konflikten zu tage. Die Antworten drauf sind aber für die gesamte Lebensgestaltung von großer Bedeutung.

Sich damit auseinander zu setzen gibt Halt, Motivation und ist Kraftquelle für das Leben. So können wir unser inneres Feuer nähren. Ich vermuten, dass wir den Herausforderungen der Zukunft nur dann entgegentreten können, wenn wir über belastbare und realistische Lebensdefinitionen verfügen.

Neue Kompetenzen für neue Wege

Neben den neuen Orientierungspunkten brauchen wir auch neue Kompetenzen, um die eingefahrenen Wege zu verlassen. Es ist ein bewusster, iterativer Weg – ein Fahren auf Sicht – getragen von begründetem Vertrauen und viel Freiheit. Diese Kompetenzen sind Resonanz auf unsere Wirklichkeit, auf die Endlichkeit, auf die Stille und Leere, auf die eigene Intuition, auf Impulse von außen und auf Gott.

1. Resonante Wahrnehmung und Kommunikation

Wir sind Meister darin, alle Fakten in Sekundenbruchteilen zu bewerten und für uns zu nutzen. Gerade weil wir die Welt durch unsere Brille und mit unseren Zielen wahrnehmen, müssen wir einen Schritt zurücktreten, um zu erkennen: Was nicht sein darf, das ist dann auch nicht. Wir werden zu Schönrednern oder Schwarzsehern – die Realität geht uns in beiden Fällen verloren.

Es befreit und öffnet Perspektiven, wenn wir die Situation ohne Wertung beschreiben, einen Schritt zurücktreten, Fragen beantworten, blinde Flecken entdecken und innehalten. Die Interpretation erfolgt später.

Dafür braucht es nur etwas Mut und ein bisschen Zeit. Die neue, andere Wahrnehmung macht einen Unterschied und ist der Einstieg in einen neuen Modus. Die meisten Gespräche werden als Auseinandersetzung verstanden. Ziel ist es zu überzeugen und sich durchzusetzen. Was wir brauchen sind Gespräche mit Bezug auf den anderen und dem Ziel gemeinsam Neues zu entwickeln oder entstehen zu lassen.

Resonante Wahrnehmung und Kommunikation nutzen neben den kognitiven Fähigkeiten auch die emotionalen Intelligenz und intuitiven Ressourcen aller Dialogpartner.

2. Loslassen und trauern

Das Loslassen von Vorstellungen und das Trauern um Verluste will gelernt sein. Insbesondere für Themen wie Visionen und Ziele, Einschätzung der eigenen Möglichkeiten oder Marktsituationen. Auch wenn es im ersten Moment seltsam klingt: Auch das Loslassen von befürchteten Worst-Case-Szenarien kann schwerfallen.

Die ehrliche Wahrnehmung lässt uns entdecken: das sprichwörtliche Pferd, auf dem wir sitzen, ist tot. Die Aufgabe ist loszulassen und zu trauern. Der nächste Schritt ist ein neues Pferd zu suchen und aufzusteigen. Wenn wir Unverfügbarkeit und Endlichkeit als Realitäten anerkennen, wird diese Fähigkeit notwendiger als wir bisher wahrhaben wollen.

3. Stille als Quelle neuer Kraft

Es ist faszinierend, wie sich ein Meeting durch 15 Minuten Stille verändern kann. Wirkliche Stille bedeutet hier: Die Geräte sind aus, die Unterlagen weggelegt. Die Teilnehmer nehmen eine entspannt-konzentrierte Sitzhaltung ein und schweigen. Es spielt keine Rolle, ob das Schweigen als Einstieg in die Sitzung gewählt wird, um sich zu konzentrieren, oder ob im Verlauf des Meetings über Fragen zu einem speziellen Thema geschwiegen wird. Diese Sende- und Empfangspause bewirkt Wunder.

Stille hat sehr viele Formen und entfaltet verschiedenste Wirkungen – von der Pause in einem Musikstück bis hin zu mehrtägigen Exerzitien. Ein großer Schatz wartet auf uns und fordert uns heraus. Stille ist der Raum in dem neues entsteht und altes verarbeitet – und damit verabschiedet – wird.

4. Intuition und ihr Potenzial neu entdecken

Dadurch, dass das „Bauchgefühl“ weder in Unternehmen noch im gesellschaftlichen Leben große Beachtung erfährt, verlieren wir damit eine riesige Ressource. Kaum eine andere Übung in der Ausbildung zum systemischen Berater löst mehr Begeisterung aus als eine Spiegelung. Geführt durch Fragen nutzen die Teilnehmer*innen ihre Intuition und stellen sie anderen zur Verfügung. Ein Gewinn auf beiden Seiten: Die gespiegelte Person erfährt mehr über sich, die spiegelnden Teilnehmer*innen schärfen ihre eigene Intuition durch die Beiträge der anderen und die Rückmeldungen.

5. Impuls von außen

Impulse und inspirierende Wahrheiten stecken in vielen literarischen Texten: in Märchen, Gedichten, philosophischen oder geistlichen Texten. Wer neu denken will, benötigt Impulse, die außerhalb des eigenen Systems entstanden sind. Sie können zu Beispielen oder Wegweisern werden. Impulse von anderen entfalten sich auch in offenen Runden mit gezielten Fragestellungen.

6. Geerdete, bodenständige Spiritualität

Die spannendste Herausforderung liegt in einem geerdeten, spirituellen Leben. Dies kann sehr unterschiedlich aussehen. Die Begrifflichkeiten und die Zugänge sind sehr individuell – und das ist gut so. In meiner Arbeit möchte ich für diese Dimension sensibilisieren, ohne bestimmte (Be-) Wertungen zu vermitteln. Für mich ist Spiritualität die Resonanz mit Gott, also dem Ursprung unseres Seins, der in uns lebt. Diese Momente sind nicht willentlich verfügbar. Wir können sie nicht „machen“.

Jedoch können wir durch unsere Bereitschaft, unsere Haltung und unser Handeln Räume schaffen, die solche Momente wahrscheinlicher machen. Wir erleben die Verbundenheit mit etwas Größerem, mit Gott. Dies äußert sich in einer großen inneren Freiheit, tiefem Frieden und starkem Vertrauen.

Die genannten Orientierungspunkte und die notwendigen Kompetenzen brechen mit unseren gewohnten Denk- und Verhaltensmustern und stellen meiner Erfahrung nach eine Möglichkeit dar, anders – nämlich zukunftsorientiert – auf die Krise zu reagieren.

Ein neues Land liegt vor uns und will entdeckt werden.

Navigieren im Neuen